42-Stunden-Woche? So findest du heraus, wie viel Arbeit tatsächlich gut für dich ist

4 Aug ‘22
6 min
Annemarie Andre
Überprüft von Psycholog*in Ida Dommerholt
Eine Frau springt neben Schreibtisch und Laptop voller Freude in die Höhe.
„Work hard, play hard”, „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!” und „Der frühe Vogel fängt den Wurm!” sind Redewendungen, die wir alle spätestens beim Einstieg ins Berufsleben zu hören kriegen. Während sich viele mit der Frage quälen, wie eine optimale Work-Life-Balance aussehen soll, spricht sich die deutsche Wirtschaft für eine höhere Wochenarbeitszeit und mehr Überstunden aus. 

 

In diesem Artikel erfährst du, wie du dich von gängigen Überzeugungen und Glaubenssätzen rund um das Thema Arbeit loslösen kannst. Außerdem geben wir dir mit Hilfe unserer Psychologin Ida Dommerholt nützliche Tools an die Hand, die dir dabei helfen, die richtige Wochenarbeitszeit für dich zu bestimmen und „smart” statt „hard” zu arbeiten. 

 

Wie viel Arbeit ist gut für uns?

 

Deutschlands Finanzminister, Christian Lindner, fordert auf Twitter „mehr Wachstumsimpulse” und „mehr Überstunden”. Steffen Kampeter von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände findet eine Arbeitszeitverkürzung regelrecht absurd und der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, spricht sich für eine 42-Stunden-Woche aus – dem stimmt der ehemalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zu. 

 

Doch sind 42 Stunden Arbeit pro Woche wirklich gut für uns, wenn wir bis zum Rentenalter durchhalten wollen? Und wie passt das zu den derzeitigen Bestrebungen vieler Länder eine 4-Tage-Woche einzuführen?

 

3.300 Arbeitnehmer*innen aus 70 unterschiedlichen Unternehmen – von der Imbissbude zum großen Finanzunternehmen – probieren das im Vereinigten Königreich gerade aus. Das Land nimmt an einem weltweit größten Pilotprojekt der 4-Tage-Woche teil, das sechs Monate lang andauern soll.  

 

Auch Island testete bereits verkürzte Arbeitszeiten bei vollem Lohnausgleich und wertete das Projekt als vollen Erfolg. Zwischen der immer noch gängigen „Hustle-Kultur”, der deutschen Arbeitsmoral und den skandinavischen Projekten tut sich im Augenblick eine große Kluft auf. 

 

Wie kannst du unabhängig von diesen Diskussionen herausfinden, wie viel Arbeit gut für dich ist und wie kannst du deine Arbeitszeit – wenn es die Finanzen erlauben – auch tatsächlich anpassen? 

 

Einfluss der Arbeitszeit auf die mentale Gesundheit

 

Es ist kein Geheimnis, dass unser Privatleben die Arbeit beeinflusst und umgekehrt. Und natürlich beeinflusst auch die Zeit, die wir auf der Arbeit verbringen, unser mentales Wohlbefinden. Mitarbeitende eines Unternehmens in Neuseeland, die ebenfalls am Pilotprojekt 4-Tage-Woche teilgenommen haben, bestätigen, dass das Stresslevel nach Ende des Projekts um 7 % gesunken sei und die allgemeine Zufriedenheit 5 % zugenommen habe.

 

Ist weniger arbeiten daher die Lösung für alle? Nicht unbedingt. 

 

„Jeder Mensch hat einen anderen Bereich, in dem er optimal funktioniert”, sagt Psychologin Ida Dommerholt und fährt fort: „Manche Menschen brauchen geistige Stimulation, andere brauchen viel Ruhe. Manche Menschen arbeiten schnell und können viele Informationen in einer Woche verarbeiten, andere arbeiten intensiver und müssen sich stärker konzentrieren.” 

 

Außerdem würden unterschiedliche Berufe auch unterschiedliche Anforderungen stellen. Ida Dommerholt weiß: „Es gibt keine Einheitslösung für alle!” 

 

Check dich selbst!

 

Um herauszufinden, welche Arbeitsform am besten zu dir passt, kannst du einen Check-in mit dir machen. Du kannst dir dabei folgende Fragen stellen:

 

  • Wie fühlst du dich? 
  • Wie sieht dein Energielevel aus? 
  • Mit welchem Gefühl gehst du zur Arbeit?
  • Wie verändert sich dein Energieniveau über die Woche hinweg?
  • Fällt es dir leicht, während der Arbeit konzentriert zu bleiben?
  • Gefallen dir die Tätigkeiten, die du hauptsächlich ausführst?
  • Bist du zufrieden mit deiner Work-Life-Balance?

 

Nimm dir einen Stift und Papier zur Hand und beantworte diese Fragen ausführlich. Das kann dir dabei helfen, herauszufinden, ob die geistige Stimulation der eigenen mentalen Kapazität entspricht. Du kannst auch über deine Erwartungen an dich selbst nachdenken – du musst nicht alles alleine bewältigen.

 

Zu viel Arbeit macht sich oft körperlich bemerkbar. Achte auf folgende Symptome:

 

  • Schlafprobleme
  • Vernachlässigung sozialer Kontakte
  • Probleme, dich um dich selbst zu kümmern (z. B. Work-out, kochen)
  • Nicht in der Lage sein, zu Hause aufmerksam zu sein
  • Leicht reizbar sein
  • Mangel an Kreativität

 

Überarbeitung hat nicht nur mit der Arbeitsdauer zu tun, sondern hängt oft auch mit der Auslastung zusammen. Wenn du dich überarbeitet fühlst, steigt dein Cortisol-Level (Stresshormone) – was auch deine physische Gesundheit beeinflusst.

 

Aber auch zu wenig Arbeit oder langweilige Aufgaben sind nicht gut. Das führt zu Langeweile, Schlafproblemen und einem Gefühl der Unruhe. Dabei kann mentale Stimulation auch aus einem anderen Lebensbereich kommen. Lies hier mehr darüber, wie du verlorene Motivation wieder gewinnen kannst.

 

Psychologin Ida Dommerholt kennt das Problem mit der richtigen Work-Life-Balance aus der täglichen Arbeit. „Ich hatte eine Kundin, die nicht mehr in der Lage war, zu Hause aufmerksam zu sein. Sie hatte einfach keine mentale Kapazität mehr, um ihrer Familie zuzuhören”, erzählt die Psychologin. 

 

„Nach dem Anpassen ihrer Arbeitszeiten war sie wieder in der Lage, Zeit alleine zu verbringen und die Zeit mit ihrer Familie mehr zu genießen. Sie bemerkte auch, dass sie mehr Freude bei der Arbeit hatte und dort weniger gereizt und belastbar war.” 

 

Erfahre hier mehr darüber, wie du auf der Arbeit Grenzen setzen kannst.

„Manche Menschen brauchen geistige Stimulation, andere brauchen viel Ruhe. Manche Menschen arbeiten schnell und können viele Informationen in einer Woche verarbeiten, andere arbeiten intensiver und müssen sich stärker konzentrieren. Es gibt keine Einheitslösung für alle!“

Wie kannst du deine Arbeitszeit anpassen?

 

Zweifelst du noch an der reduzierten Arbeitszeit oder hast Schwierigkeiten herauszufinden, was nun wirklich zu dir passt? Dann kann dir dieser Stufenplan von Ida Dommerholt vielleicht bei der Reflexion helfen:

 

  1. Erkenne deine Bedürfnisse
  2. Hinterfrage deine Überzeugung, 40 Stunden arbeiten zu müssen (dies wurde in einer Zeit entwickelt, in der eine Person arbeitete und die andere sich um den Haushalt kümmerte)
  3. Arbeite „smart, not hard” – eventuell musst du deinen optimalen Arbeitsbereich noch finden
  4. Triff eine Entscheidung, die für DICH gut ist
  5. Mach eine Kosten-Nutzen-Analyse („Vielleicht verdiene ich weniger, aber ich spare auch den Lieferservice, weil ich mehr Zeit zum Kochen habe”)
  6. Experimentiere mit verschiedenen Formaten, bevor du dich für dein neues Format entscheidest 
  7. Denke über verschieden Formen der Teilzeit-Arbeit nach (Gesamtwochenstunden und Verteilung der Arbeitstage und deiner freien Tage) 
  8. Zögere nicht, Maßnahmen zu ergreifen und warte nicht, bis Burn-out-Symptome eintreffen oder Beziehungen in die Brüche gehen

 

Jeder Mensch ist auf eine andere Art und Weise produktiv und wird mit anderen Herausforderungen im Privatleben konfrontiert. Dementsprechend kannst du deine wöchentliche Arbeitszeit anpassen und so deiner mentalen Kapazität etwas Gutes tun. 

 

Du hast Schwierigkeiten beim Finden der optimalen Work-Life-Balance und möchtest dich lieber persönlich darüber austauschen? Dann buch ein Gespräch mit unseren psychologischen Fachkräften wie Ida Dommerholt.